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Katholischer Kinder- und Jugendbuchpreis 2011

"Einmal" von Morris GleitzmannKinder und Jugendbuchpreis 2 (Autor) und
Uwe-Michael Gutzschahn (Übersetzer)

 

Medienpreis 2011Obwohl er den Namen der Glückliche trägt, verspricht die Zukunft des neunjährigen Felix wenig Hoffnung: Im Jahr 1942 lebt er in jenem katholischen Waisenhaus in den böhmischen Bergen, in dem seine Eltern, jüdische Buchhändler, ihn drei Jahre zuvor verstecken konnten. Als fantasiebegabtes Kind deutet Felix sein Erleben und Beobachten in Geschichten, die er zum Teil in seinem Notizbuch festhält. Dieser Weltaneignung in Geschichten entspricht der Erzählstil, der je Kapitel retrospektiv mit einem unbestimmt-märchenhaften „Einmal“ einsetzt.

 

Dabei wird konsequent die naiv-kindliche Perspektive eingenommen. Aus dieser spezifischen Form der Beobachtung heraus entsteht sowohl das Romangeschehen als auch dessen stets von der Weltaneignung in Geschichten geprägte Deutung: Als er eine Gruppe von Männern in Anzügen mit Armbinden dabei beobachtet, wie sie im Klosterhof Bücher verbrennt, macht Felix sich auf, seine Eltern, von denen er – wie er es deutet – seit den Schwierigkeiten mit der Postzustellung keine Briefe mehr bekommt, zu warnen. Seine kindliche Odyssee führt ihn über seine Heimatstadt ins Warschauer Ghetto und damit in eine Welt des zunehmend schmerzlichen Erkenntnisprozesses, dass es den Nationalsozialisten nicht primär um die Verbrennung von Büchern geht. Im Ghetto wird er von dem Zahnarzt Barnek gerettet und in Schutz genommen. Sowohl bei dessen nächtlichen Patientenbesuchen als auch für die mit Barnek lebenden Kinder wird der in seiner staunenden Weltsicht unerschütterliche Felix Kraft seiner Geschichten zum Hoffnungsträger, der in einer in sich zusammenbrechenden Welt das letzte Stück Glauben an ein Heilwerden verkörpert – selbst über jenen Zeitpunkt hinaus, an dem auch der kindliche Ich-Erzähler angesichts des Grauens der Ereignisse keine Worte mehr zu finden vermag und feststellt: „Ich habe keine Geschichten mehr“. Letztlich jedoch ist es Felix‘ Fähigkeit, der Welt trotz allem ihre Wunder abzuringen, die ihm und dem Mädchen Zelda die Kraft gibt, aus dem Güterzug zu springen, mit dem Barnek und dessen schutzbefohlene Kinder von den Nationalsozialisten „aufs Land“ gebracht werden.

 

Ähnlich wie Roberto Begnini in seinem Film „Das Leben ist schön“ gelingt es auch Morris Gleitzman die Gleichzeitigkeit von Tragik und Komik zum erzählerischen Moment zu machen, wenn Felix der Bedrohlichkeit des Geschehens mit dem Blick für das Absurde begegnet und kindliche Angst dabei in schöpferische Kraft umwandelt. Glaube, Liebe und Hoffnung werden dabei in einer kindlichen Figur sichtbar gemacht, die der Welt mit Staunen begegnet und gerade dadurch eine Sprache für das Unaussprechliche des Menschseins findet.

 

In unserem Alltag ist eine erfundene Weltsicht, wie sie Felix praktiziert, verpönt. Es zählt eher die Realität. Wir glauben, dass in unserer Mediengesellschaft Informationsbeschaffung das Leitmaß ist, um erfolgreich leben zu können. Seltsam unwirklich wirkt deshalb ein Junge, dessen Welt von seinen selbsterfundenen Geschichten durchzogen und interpretiert ist. Sollte man nicht sagen, dass er unter Wirklichkeitsverlust leidet, ein Träumer ist und gerade in der brutalen polnischen Welt während der deutschen Besatzung gar keine Lebenschancen hat?

 

Doch das Gegenteil ist der Fall. Felix’ Geschichten sind getragen von einem unerschütterlichen Glauben an das Gute im Menschen, und einige Male entwickelt sich daraus der entscheidende Anstoß für Ereignisse, die einen drohenden Untergang abwenden.

 

Es macht nachdenklich, dass auch die Heilige Schrift solche Situationen kennt. Als Jesus in seine Heimatstadt kam (Lk 4,16-30), konnten sich die Bewohner seine Ankündigung, Wunder zu tun, nicht erklären. Sie glaubten, alles von ihm zu wissen: Der Sohn eines Zimmermanns, Sohn der Maria, was soll schon Besonderes mit ihm sein? Nimmt er nicht den Mund zu voll, liegt sein Handeln nicht außerhalb jeder vorstellbaren Realität? Bei Markus endet diese Episode mit der Bemerkung: „Und wegen ihres Unglaubens tat er dort nur wenige Wunder.“ (Mk 6,5-6).

 

Wie wäre das auch möglich? Wie sollte ein Wunder, also eine Wendung im Geschick eines Menschen geschehen, wenn dieser Mensch nicht vom Heilwerden träumt (z.B.: Lk18,41) und überzeugt ist, dass Gott auch über die scheinbar klaren Grenzen hinaus noch handeln kann.

 

Vor diesem Hintergrund hat „Einmal“ eine eminent religiöse Bedeutung, ohne eine explizit religiöse Sprache zu verwenden. Das Buch handelt von einer Grundfähigkeit, die dem Glauben vorausgeht, nämlich dem Bewusstsein, dass menschliche Erkenntnis die Realität nie vollständig erfasst, und dass es den überraschenden Einbruch einer wunderbaren Wendung geben kann.

 

Weil Felix eher bereit ist, an das Gute zu glauben und immer wieder der scheinbar festgefügten und schrecklichen Realität seine Geschichten entgegenstellt, hält er das Tor für eine heilende Wendung offen. Wenn sie dann eintritt, nennt unsere Welt das einen ‚glücklichen Zufall’. Die Heilige Schrift nennt es Wunder.

 

Mit dem Katholischen Kinder- und Jugendbuchpreis werden Werke ausgezeichnet, die beispielhaft und altersgemäß christliche Lebenshaltungen verdeutlichen, religiöse

 

Erfahrungen vermitteln und Glaubenswissen erschließen. Dabei muss die transzendente Dimension erkennbar sein. Nach einstimmigem Urteil der Jury erfüllt Morris Gleitzmans Buch „Einmal“ diese Kriterien in besonders überzeugender Weise. Die Jury hebt ebenfalls die hervorragende Übersetzung aus dem Englischen von Dr. Uwe-Michael Gutzschhahn hervor. Seiner besonderen Übersetzungsleistung ist es zu verdanken, dass die literarische Qualität des Originaltextes auch für die deutschsprachige Leserschaft in überzeugender Weise zum Ausdruck kommt.“ 

 

Ab 11 Jahre.

 

 

Die Deutsche Bischofskonferenz vergibt ihren Kinder- und Jugendbuchpreis seit 1977. Prämiert werden Publikationen, die Glaubenswissen und christliche Grundhaltungen vermitteln. Die anfangs zweijährliche, seit 1999 jährliche Preisvergabe findet jeweils in einem der deutschen Bistümer statt. Zur Auszeichnung gehört auch eine Bronzestatuette mit dem Titel "Die Lesende". Die Jury empfahl neben Steinhöfels Buch weitere 14 Veröffentlichungen für Kinder und Jugendliche. Die Liste ist über die Internetseite der Bischofskonferenz erhältlich. 

 

 

Die Ausschreibungsunterlagen des Kinder- und Jugendbuchpreises 2012 können Sie sich hier als Download auf Ihren Computer laden.

 

 

Zu den Preisträgern:

 

Morris Gleitzman wurde 1953 in Sleaford/Großbritannien geboren. Seit 1969 lebt er in Australien. Nach seinem Studium des „Professional Writing“ am Canberra College of Advanced Education schrieb Gleitzman für Film- und Fernsehproduktionen. Seit 1985 hat er mehr als zwei Dutzend Bücher veröffentlicht, die in zahlreiche Sprachen übersetzt und mit Preisen ausgezeichnet wurden. Er verfasste außerdem Bühnenstücke und Kolumnen für australische Tageszeitungen. Gleitzman gilt heute als einer der erfolgreichsten Autoren Australiens. 

 

Dr. Uwe-Michael Gutzschhahn wurde 1952 in Langenberg (Rheinland) geboren. Nach dem Studium der Germanistik und Anglistik an der Universität Bochum promovierte er 1978 zum Doktor der Philosophie. Anschließend folgte eine Tätigkeit als Verlagslektor. Gutzschhahn hat zahlreiche Erzählungen, Kinder- und Jugendbücher sowie Gedichte verfasst. Außerdem ist er als Übersetzer tätig und Mitglied des Verbandes Deutscher Schriftsteller und des PEN-Zentrums Deutschland. 1979 erhielt er den Förderpreis für Literatur des Landes Nordrhein-Westfalen, 1984 den Würzburger Literaturpreis sowie 1993 den Preis der Internationalen Bodenseekonferenz. 

 

 

Hinweis: Morris Gleitzmann, Einmal, Carlsen Verlag, ISBN 978-3551358622, 8,95 Euro.